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Erlebnisbericht von Gesine Jüthner
Eigentlich ist mir wichtig wie ich wohne. Eigentlich bin ich schon mehrere Male in meinem Leben umgezogen. Eigentlich interessiere ich mich für die Gestaltung von Räumen, besonders wenn ich mich beruflich oder privat häufig darin aufhalte.
Seit Jahren ziehe ich um, gestalte Lebensräume, verrutsche Möbel von hier nach dort, verlege das Wohnzimmer ins Schlafzimmer und umgekehrt, verschiebe meinen Schreibtisch, hänge andere Bilder auf, kaufe Regale, neue Bettwäsche und Lampen.
Selbstverständlich befrage ich Freunde nach ihrer Meinung, lasse mich von "Schöner wohnen" und "Wohnen nach Wunsch" inspirieren. Ich lasse nichts aus, um mich zu Hause wohl zu fühlen. Doch irgendwie war irgendwo der Haken. Ich fühlte mich nicht wirklich wohl. Häufig waren es nur Kleinigkeiten, die mich irgendwann zur Raserei trieben.
Jetzt habe ich schon die Vitrine abgeschliffen und lackiert, Spiegel umgehängt, die Wand gestrichen und -aus irgendeinem rätselhaften Grund- sitze ich trotzdem nie in der Küche. Beim letzten Schlafzimmer gab ich auf und liess es einfach bleiben. Ich schlief zwar gut, doch jeden Morgen überkam mich akute Bettflucht. Gemütliches Liegenbleiben, Zeitung lesen im Bett oder Ähnliches war mir dort einfach nicht möglich.
Zufällig entdeckte ich eines Tages ein Buch. Es handelte von Feng Shui, von Wind und Wasser. Ich verstand zwar nicht einmal die Hälfte von dem, was dort beschrieben war, aber die Idee gefiel mir. Alle Lebensbereiche auf eine Wohnung oder ein Haus zu übertragen, schien logisch, schlüssig, nachvollziehbar.
Also nahm ich mein Feng Shui Buch und versuchte die Lebensbereiche meiner Wohnung nach den genannten Vorschlägen zu überarbeiten. Und scheiterte bereits bei dem Versuch den Mittelpunkt einer L-förmig geschnittenen Wohnung zu errechnen. In Mathe war ich schon immer eine Niete. Ich fragte einen Freund, ob er mir denn helfen könne. Der meinte nur lakonisch "Ich habe mir einen Feng Shui Berater für mein Haus geholt".
Das fand ich dann doch etwas übertrieben. Und vor allem - wie sollte ich einen seriösen Berater finden, der mir nicht vorschlägt, ein Haus für schlappe drei Millionen Euro zu kaufen? Das Budget war gering und meine Furcht zu gross, einen Berater zu holen, der mich mit seinem Konzept in den Ruin oder in eine langfristige Abhängigkeit treibt.
Ich bin nicht besonders esoterisch veranlagt. Und Angstmacherei wie sie häufig in diesen Bereichen betrieben wird, ist mir suspekt. "Geben Sie mir nur noch ein paar tausend Euro, dann wird das schon alles klappen." So jemand wollte ich mir nicht in meine Wohnung holen. Ich glaube an die Improvisation und bin fest davon überzeugt, dass man mit wenig Mitteln viel erreichen kann. Wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.
Offensichtlich war genau das der Punkt. Denn zwei Jahre später zog ich um. Ich ertrug die Wohnung nicht mehr, wollte nicht mehr nach Hause gehen und verbrachte so viel Zeit wie möglich woanders. Etwas musste passieren. Denn - Wohnen ist mir ja eigentlich wichtig. Nach ungefähr 12 mehr oder weniger frustrierenden Wohnungsbesichtigungen traf ich eine mutige Entscheidung: ich tue mir was Gutes, egal ob es vernünftig ist oder nicht. Vollkommen wurscht.
Ich engagiere einen Feng Shui Berater. Ich möchte jemanden an meiner Seite haben, der mich mit seinem Wissen und seiner Kompetenz begleitet. Also Rechner angeschmissen und ab ins Internet. Bei Google tippe ich ein: +berlin +"feng shui" +berater.
Der erste Treffer führt mich zu der Website auf der Sie sich gerade befinden. Ich klicke ein wenig hier, ein wenig da. Ich klicke auf das Foto von Frau Marquardt und bin sicher. Der offene Blick gefällt mir, die dynamische Körperhaltung. Diese Frau werde ich anrufen und statt eines asiatischen Feng Shui Beraters eben eine deutsche Beraterin engagieren. Warum nicht: wer kann, der kann.
Ich wähle ihre Nummer und sie ist sofort dran. Klar, präzise, ohne Umschweife sagt sie mir, was zu tun ist. "Sehen Sie sich so viele Wohnungen wie möglich an. Fertigen Sie Grundrisszeichnungen an und ich benötige von Ihnen die Proportionen der Räume, die Himmelsrichtung und das Baujahr des Hauses." Ich bin überrascht: keine Frage nach Personalausweis, Bankverbindung, Kreditkartennummer.
Die
Frau fängt sofort an für mich zu arbeiten. Vertrauen auf beiden Seiten. Das
gefällt mir. Umgehend krieche ich aus meinem Wohnungssuch-
Manch einer fragt mich verwundert, wozu ich das denn machen würde, wenn ich auf dem Boden kniee und den Grundriss skizziere oder mit dem Kompass hantiere. Ich denke mir "was solls und sage nur knapp: wozu? Ich machs für mich. Ich habe eine Feng Shui Beraterin engagiert und sie braucht diese Daten von mir". Einige nehmen verwundert Abstand, andere schütteln den Kopf und wenige nicken mit dem Kopf "Jaja, das habe ich mir auch schon mal überlegt." Ich nicht mehr: ich mache jetzt einfach, was gut für mich ist. Basta.
Jeder Umzug kostet einen Haufen Geld, Blut, Schweiss und Tränen. Umziehen ist Schwerstarbeit. Wer gerne umzieht, kann nicht alle Tassen im Schrank haben, denn wer lebt schon gerne über Wochen in noch nicht eingepackten und/oder noch nicht ausgepackten Kartons. Schrecklich. Ständig muss man sich überlegen, in welcher Wohnung man sich eigentlich noch Kaffee machen oder eine Suppe kochen kann. Will man ausgehen, ist die genau die schönste aller Ledertaschen, die man unbedingt heute Abend braucht entweder in der alten Wohnung oder unauffindbar. Und wenn sie unauffindbar ist, stellt sich ja die gute Frage, ob sie in einem der unzähligen Kartons ist, leihweise bei Freundin Tina oder vielleicht doch aus Versehen im Humana Kasten um die Ecke. Wer will über sowas nachdenken? Ich nicht. Ich will ankommen, meine Ruhe haben und meine Zeit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen.
Ich schicke einen Grundriss nach dem anderen per Email an Frau Marquardt. Unkommentiert. Es ist wie beim Publikumsjoker bei "wer wird Millionär". Ich will sie nicht beeinflussen. Sie antwortet prompt: diese nein, die andere auf keinen Fall, "...aber die da, die könnte eventuell was sein. Aber da geht es nur um ein paar Grad. Das heisst, die Wohnung könnte entweder sehr gut oder sehr schlecht sein. Ich fahr da mal dran vorbei...".
Ich stelle mir Frau Marquardt wie eine Geheimagentin mit Hut vor, wie sie an dem Haus mit der eventuellen Wohnung vorbeifährt und dann mit dem geheimnissvollen Kompass verschwörerische Berechnungen anstellt.
Ich will endlich umziehen und scharre mit den Hufen bis die ersehnte Antwort kommt. - Nein, die Wohnung kommt nicht in Frage. Mir reisst bald der Geduldsfaden, ich habe keine Lust mehr.
Aber: was Frau Marquardt sagt, haut mich immer wieder von den Socken und hält mich bei der Stange, denn sie formuliert genau das, was ich in den Wohnungen fühle, wenn ich sie besichtige: In der einen gefällt mir das Schlafzimmer nicht, in der anderen finde ich den Eingangsbereich atmosphärisch unangenehm, in der nächsten fühle ich mich in der Küche gar nicht wohl.
Die Zeit vergeht bis zu einem Sonntag, an dem ich das ganze Universum anflehe, der Suche doch bitte ein Ende zu bereiten. Ich vereinbare einen weiteren Termin in der Ecke, in der ich am liebsten wohnen möchte. Es begrüsst mich sehr hektisch, aber freundlich der technische Bauleiter mit Handy-Knopf im Ohr. Es gibt derzeit zwei freie Wohnungen, eine im zweiten, eine im vierten Obergeschoss. Er zeigt mir beide und ich verliebe mich unsterblich in die Wohnung im Vierten. Ich kann Himmel sehen, hurra, eine amerikanische Küche, juchhu, endlich kann ich mir den langersehnten Tresen bauen und dann im Frühling bei Sonnenuntergang auf meinem Barhocker einen lässigen Espresso schlürfen.
Ich
schmeisse mich förmlich auf die Dielen und lege los mit der Grundriss-
Auf dem Weg zum Rechner fällt mir ein, dass Sonntag ist und dass ich bestimmt bis Montag warten muss. Aber derart beschwingt und fröhlich, macht mir das gerade gar nichts aus. Den späten Nachmittag verbringe ich mit Tagträumereien von der Wohnung und wie ich sie einrichten werde.
Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung: Frau Marquardt! Ich bin beglückt: "Die Wohnung sieht sehr gut aus. Ich brauche einen Termin, um nochmal genaue Messungen anzustellen." Ich verständige den technischen Bauleiter und in der Woche darauf, erlebe ich Frau Marquardt zum ersten Mal live und in Farbe.
Mit blitzenden Augen kommt sie angeflitzt und misst ratzfatz die Wohnung aus, ohne blabla, tralala und Brimborium. Als sie fertig ist, meint sie nur: "so, jetzt muss ich ganz viel rechnen. Ich benachrichtige Sie so schnell wie möglich." Was sie auch macht. Per Telefon erfolgt das definitive O.K.: "die Wohnung ist hervorragend, nehmen Sie sie unbedingt. Die ist klasse! Melden Sie sich, wenn Sie sie bekommen haben."
Jetzt ist schnelles Handeln angesagt. Mittlerweile hängt eine ganze Meute von Bewerbern an der Wohnung und die beiden Damen von der Hausverwaltung sind harte, aber faire Verhandlungspartner, die mir ganz deutlich sagen: "also ehrlich gesagt, kriegen Sie die Wohnung, weil unser technischer Leiter sich so für Sie eingesetzt hat". Das ist mir gut genug. Ich unterschreibe am 01.11.2004 den Mietvertrag und bin happy.
Mitten in der Nacht überfällt mich die Idee eines Wanddurchbruchs, der noch mehr Licht in die Wohnung bringen würde. Auch in diesem Fall kontaktiere ich rasch Frau Marqurdt und erhalte ebenso schnell die Antwort: "Ja, der Wanddurchbruch verstärkt die positive Energie".
Ein weiteres Mal treffe ich mich mit Frau Marquardt, dieses Mal in aller Ruhe und ich bekomme von ihr eine Mappe mit allen Feng Shui Daten, Zahlen und Fakten zu meiner Wohnung inklusive ausführlicher Erklärungen und glasklarer Skizzen zur Einrichtung. Auf einer Klarsichtfolie, die sie auf den Grundriss legt, hat sie eingezeichnet, wo ich am besten schlafen, arbeiten und mich vergnügen soll. Wenn ich es allein gemacht hätte, hätte ich es anders gemacht, aber ich vertraue ihr und ordne meine Lebensbereiche genauso an. Und zum ersten Mal hatte ich noch nicht eine Sekunde das Bedürfnis irgendetwas umzustellen.
Auch meine Partnerschaftsecke hat sie eingezeichnet. Wenn ich jemand kennen lernen wolle, solle ich da Blumen hinstellen. Noch am 30.12.2004 denke ich -ach Unsinn, du triffst doch sowieso keinen und vom Blümchen hinstellen wird das auch nicht besser- und trotzdem sagt mir etwas in meinem Hinterkopf "machs doch einfach".
Ja, und dann habe ich zwei Gerbera gekauft und in meine Partnerschaftsecke gestellt. Und wenn ich das jetzt lesen würde, ich würd´s nicht glauben: ich habe genau an diesem Abend jemand kennen gelernt.
Im Februar rufe ich Frau Marquardt an, denn sie wollte die Wohnung gerne noch einmal sehen, wenn ich darin wohne. An einem Samstagnachmittag schaut sie vorbei und ist begeistert. Als ich ihr die Geschichte von den Blümchen erzähle bin ich mir nicht ganz sicher, ob sie mir die Story abkauft.
Aber sie ist wahr, wahr, wahr! Und übrigens Frau Marquardt: ich habe jetzt auch mein Büro in die Wohnung verlegt.
Fazit: ich habe noch nie so viel Zeit auf die Suche, Planung und Einrichtung einer Wohnung verwendet. Es hat sich gelohnt. Ich würde es nie wieder anders machen.
Ich lebe und arbeite in meiner Wohnung und fühle mich rundherum wohl. Ich komme gern nach Hause. Meine Gäste fühlen sich wohl und der Espresso an der Theke bei Sonnenuntergang schmeckt wie Urlaub.
© 2005 - Gesine Jüthner
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